Reliquienstandkreuz

Reliquienstandkreuz 1669

Das 119,5 cm hohe Standkreuz erhebt sich über einem abgetreppten Sockel aus schwarz gebeiztem und politierten Birnbaumholz. Auf ein Kernstück und eine Bodenplatte sind verschiedene  Profil- und Flammleisten aufgeleimt. Auf der Unterseite des Sockels ist in eine Vertiefung eine schwarz politierte Weichholzplatte mit gelber Inschrift eingelassen: „Dises Crucifix ist gemacht / wordten Im Jahr 1669 dar= / Zue der Edl und veste herr Johan / Häckhel gewester Stattrichter und / khürchprobst 40 gulden Legiert, Gott / verleihe ihme ein freliche aufersteh= / ung amen“

 Der Kreuzstamm ist ebenfalls aus Birnbaumholz, schwarz gebeizt und politiert. Wie am Sockel ist auch hier die Vorderseite mit aus versilbertem Messingblech ausgeschnittenen Leisten verziert. In den Kreuzzwickeln sind vier geflammte Strahlen aus vergoldetem Silber montiert.

In das Holz des Stammes sind sechs ovale Vertiefungen zur Aufnahme der Reliquien gestemmt, deren Bezeichnungen  auf der Rückseite geschrieben stehen.  Nach vorne sind die Reliquien mit bemalter Silberfolie und einem durchbrochen gearbeiteten, bombierten Silberkörbchen abgedeckt. Die Reliquien selbst sind in einen honigfarbene Seide und erdgrünen Brokatstoff eingewi-ckelt mit blauem Faden zugebunden und mit einem Pergamentstreifen versehen, auf dem die jeweilige Bezeichnung steht.  Es handelt sich um Reliquien der Heiligen Timotheus, Katharina, Barbara, Ursula, Lu-zia, Walburga, vom Fell des hl. Johannes des Täufers und einem Stein vom Grab Christi.

Am Fuß des Kreuzstammes befindet sich ein gegossener Totenkopf aus Silber und über die Kreuzbalken verteilt paarweise angeordnete Silberknöpfe, Glassteine und sechs gegossene silberne Puttenköpfe.

Am oberen Kreuzende der Titulus aus getriebenem Silberblech, ziseliert, mit unterschiedlichen Punzierungen und glatter Inschrift. Darauf auch das Meisterzeichen IM, das auf Joseph Moye, einen von 1689-1740 in Augsburg als Silberschmied tätigen Meister, hinweist.

Der Christuskorpus ist aus Silberblech getrieben (sogar die Finger und Zehen sind hohl!) und aus Einzelteilen zusammengelötet, der Kopf dürfte gegossen sein. Durch vorhandene Lochbohrungen und die Überlagerung von Reliquienkörbchen durch die Hände und Füße des Gekreuzigten lässt sich nachweisen, dass der Korpus ursprünglich nicht zu diesem Kreuz gehört hat. Der Originalkorpus war viel kleiner und vielleicht auch aus einem anderen Material (Elfenbein?)

Wir wissen nichts über die ursprüngliche Verwendung des Kreuzes. Die schwarze Färbung ließe vermuten, dass es sich dabei um ein Funeralkreuz gehandelt haben könnte. Allerdings erscheint es zur Aufstellung auf einem Sarg zu groß und zu kostbar. Das Standkreuz wird wohl in der Kirche als Teil einer frühbarocken Einrichtung als Altarkreuz gedient haben. Später zierte es lange Zeit den Betschemel des Pfarrers in seiner Wohnung. 1988 restauriert, ist es seit 1996 wieder im Pfarrhof aufgestellt.

Der genannte Stifter erscheint 1649, 1652, 1661 und 1664 als Stadtrichter. Im Sterbebuch der Pfarre wird er unter dem 28. April 1668 als Ratsmitglied und Kirchenpropst verzeichnet. Da er also zusammen mit Pfarrer Bernhard v. Pocksteiner die wirtschaft-lichen Agenden der Kirche zu führen hatte  und damals Pocksteiner die Kirche neu einrichten ließ, würde ein Legat auf ein Altarkreuz gut in den Zusammenhang passen.

RELIQUIEN

Reliquie bedeutet „das, was überbleibt“. Im religiösen Sinn sind es meist Körperteile von Heiligen oder auch ihres Gewandes oder von Gegenständen aus ihrem Besitz.

In der heutigen kirchlichen Praxis wird Wert darauf gelegt, dass Reliquien echt sind und diese Echtheit muss auch durch ein Schreiben eines kirchlichen Oberen bestätigt werden. Das lässt sich bei den neueren Heiligen und Seligen gut durchhalten. Die Echtheit von Reliquien aus früheren Jahrhunderten kann nicht mehr so leicht festgestellt werden.

Die sterblichen Überreste der Märtyrer der frühen Kirche wurden nach Möglichkeit ehrfürchtig gesammelt, aufbewahrt und der Brauch solche in Altäre einzuschließen wurde üblich. Es wurden auch kleinste Knochensplitter in Seide oder Leinen eingenäht. Man teilte die Überreste von besonders beliebten Heiligen in kleinste Partikel auf, um sie möglichst vielen Gläubigen zugänglich zu machen. Durch die Reliquie war der/die Heilige präsent und man wusste sich ihm besonders nahe.  Diese Nähe konnte durch Berührung und/oder Kuss noch gesteigert werden.

In der Barockzeit vermutete man in allen in den römischen Katakomben Bestatteten hl. Märtyrer und überführte ihre Skelette in Kirchen auf Altäre („heilige Leiber“) oder versah sie mit phantasievollen Namen und fügte sie in Klosterarbeiten ein.

Wenn man allerdings über der Reliquie den /die Heilige/n vergisst, sind Magie und Aberglaube dabei nicht ausgeschlossen.

Es gibt drei „Klassen“ von Reliquien:

  • Die vornehmsten sind Reliquien vom Kreuz und Leiden Jesu und von den Leibern von Heiligen.
  • jene von Gegenständen, aus dem Besitz von Heiligen (z. B. Gewand) (Berührungsreliquien)
  • schließlich Reliquien, die an echten Reliquien bloß angerührt wurden.

Dechant Mag. Herbert Döller