Mariahilfbild

DAS MARIAHILFBILD VON LUCAS CRANACH D. Ä.

 Wann genau Cranach dieses Bildnis schuf, kann nicht mehr mit Sicherheit gesagt werden. Es gilt als wahrscheinlich, dass das Bild nicht vor 1537 entstanden ist. Es war bestimmt für die Heiligkreuzkirche in Dresden. Aufgrund der Bilderfeindlichkeit der Reformation, die sich sehr schnell in Sachsen ausbreitete, wanderte es in die Gemäldegalereie von Kurfürst Johann Friedrich dem Gutmütigen. Dort befand es sich noch, als Fürstbischof Leopold von Passau 1611 in diplomatischer Mission nach Dresden kam. Er erhielt es von Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen als Gastgeschenk. So kam das Cranach-Gemälde in die Hofkapelle der fürstbischöflichen Residenz von Passau. Lucas Cranachs Originaldarstellung hingegen wurde 1619 in die Innsbrucker Hofburg gebracht und fand schließlich im Juli 1650 auf Bitten vieler Innsbrucker den Weg in die St. Jakobskirche, der heutigen Domkirche, wo es noch heute den Mittelpunkt eines imposanten bühnenhaften Hochaltars bildet. Cranachs anmutige Darstellung Mariens mit dem Jesuskind galt schon in der frühen Neuzeit als berühmt und diente als Vorbild für viele Kopien. Heute wird es oft als das meistverbreitetste Marienbild des österreichischen bzw. süddeutschen Raumes bezeichnet. An mehr als 500 Orten entstanden Sekundärwallfahrten

 ZUR IKONOGRAPHIE DES BILDES VON L. CRANACH D. Ä.

Das Cranachsche Gemälde steht in einer Bildtradition, die innerhalb der abendländischen Kirche eine lange Geschichte besitzt. Cranach hat nicht weniger als 120 Marienbilder gemalt, den Mariahilf-Typ aber nur ein einziges Mal. Dabei bewegt er sich in der Tradition der Ikonen der Ostkirche und der sogenannten Lukas-Bilder der römischen Kirche. Die seit dem Konzil von Ephesus (431) geforderte obligatorische Abbildung der Muttergottes in Verbindung mit ihrem Sohn hatte zu einer Reihe von ikonographischen Typen geführt, die in geringen Abwandlungen bis in die Zeit Cranachs weitergereicht wurden. Dabei wurde jedem der Bildtypen eine theologische Aussage eingebunden. Hinter dem Cranachschen Gemälde steht der Typ der Elëusa (Glykophilousa), bei der das Kind seine Wange an die der Mutter schmiegt.

Die Orientierung Cranachs am Ikonentyp und die Übernahme von dessen Aussage sind sehr deutlich: Christus in der Gestalt eines Kindes wendet sich Schutz suchend Maria zu und streckt seine Hände nach Hals und Kinn der Mutter aus. Diese umfasst zwar ihrerseits mit beiden Händen das Kind, blickt aber – im Vorwegwissen von dessen künftigem Leid und der eigenen Hilflosigkeit – mit ernstem Gesicht über den Knaben hinweg auf den Betrachter. So wird das Jesuskind zu einem Sinnbild der hilfesuchenden Menschheit, der – wie Christus – Leid und Tod vorausbestimmt sind. Maria aber nimmt mit dem Jesusknaben jeden einzelnen Gläubigen, der des himmlichen Schutzes bedarf, in ihre mütterlichen Arme.

Cranach bereichert den vorgefundenen Typus mit einer eigenen spezifischen neuen Aussage, indem er die menschliche Seite des Mutter-Kind-Verhältnisses stärker betont.  Er steigert den Aspekt von Zärtlichkeit und Zuneigung fast zu einer Art von Familienidylle, so dass man sein Bild auch als „säkularisierte Form einer Marienikone bezeichnen könnte. In diesem Bild vebinden sich traditionelle Elemente der Marien-Ikonographie mit der besonderen Form der katholischen Frömmigkeitshaltung dieser Zeit, sodass sich die Menschen in dem Bild und dessen Aussage wiederzuerkennen vermochten.

DAS MARIAHILFBILD IN PASSAU

In der Bischofsresidenz von Passau bewunderte Domdekan Freiherr Marquard von Schwendi (1574-1634) das Marienbild von Cranach. Da es ihm sehr gefiel, liess er vermutlich durch den Hofmaler Pius eine Kopie anfertigen, die er zunächst auf seinem Hausaltar verehrte. Die Kopie ist gegenüber dem Original etwas vergrössert, auch in der Aussage leicht verändert. Die Mutter-Kind-Beziehung ist wohl noch um eine Nuance inniger gestaltet als bei Cranach.

Nach der Fertigstellung der von ihm in Auftrag gegebenen neuen Wallfahrtskirche Mariahilf im Kapuzinerkloster auf dem Schulerberg ob Passau wurde 1627 dieses Bild dorthin übertragen, wo es bis heute den Anziehungspunkt einer lebendigen Wallfahrt bildet.

Durch die riesige Ausdehnung der Diözese Passau bis tief nach Ungarn hinein, finden sich in diesem Gebiet bis heute zahlreiche Darstellungen des Passauer Gnadenbildes.

 

DAS MARIAHILFBILD DER KAPUZINERKIRCHE WAIDHOFEN A/D YBBS

 Da die Passauer Wallfahrtskirche bis vor wenigen Jahren vom Kapuzinerorden betreut wurde, war es dem ein Anliegen, diese „Mariahilf-wallfahrt“ zu fördern. Es ist daher nicht außergewöhnlich, dass auch in Waidhofens Kapuzinerkirche eine solche Mariendar-stellung an prominenter Stelle in einer eigenen Seitenkapelle zu finden ist. Da im ersten Kapuzinerkonvent nachweislich mindestens zwei Brüder aus Passau stammten, ergibt sich auch dadurch eine Verbindung. 1697 hat der Waidhofner Maler Wolf Nikolaus Turman für die Stiftskirche Seitenstetten eine Kopie des Passauer Wallfahrtsbildes auf dem rechten vorderen Seitenaltar gemalt. Wie er dort die Vorlage abändert, wiederholt sich auf dem Bild der Klosterkirche in Waidhofen. Der höhere Abschluß des Schleierhalstuches, die Krater-  und Schüsselfalten, die Fingerhaltung, die Haltung des rechten Fußes des Jesus-kindes, die Auffassung der beiden Ärmelabschlüsse der Gottes-mutter zeigen eine große „Verwandtschaft“, sodass der Schluss erlaubt erscheint, auch die Waidhofner Kopie sei ein Werk Turmans, die aber im Blick auf den Kastenrahmen etwas später entstanden sein dürfte als das Seitenstettner Bild.

Ursprünglich an der Ostwand der Seitenkapelle der Kapuzinerkirche Waidhofen an der Ybbs vor gemalter Scheinarchitektur mit Vorhangdraperie befestigt, kam es nach 1786 nach der Profanierung der Kirche in den Besitz des Chirurgen und Wundarztes Dr. Anton Haller und wurde von diesem 1834 der Kirche zurückgegeben und wieder an seinem angestammten Platz aufgehängt. 1885 wurde es nach der Aufstellung eines ehemaligen Seitenaltars der Stadtpfarrkirche in der Franziskuskirche auf diesem als Vorsatzbild aufgestellt, wie es auch heute wieder der Fall ist, nachdem es 1954 -1999 als Oberbild des Hochaltars verwendet worden war.

Dechant Mag. Herbert Döller