Die Lutherin

Die Lutherin

So außergewöhnlich wie der Reformator war auch die Frau an seiner Seite – Katharina von Bora. Sie wurde knapp vor der Jahrhundertwende 1500 im Hause des verarmten Landadeligen Hans von Bora geboren. Als ihre Mutter starb und der Vater sich wieder verehelichte, gab er die kleine Katharina mit ungefähr 5 Jahren ins Benediktinerinnenkloster Brehna bei Bitterfeld. Mit zehn Jahren wechselte sie in das Zisterzienserinnenkloster Nimbschen und legte dort als etwa Sechzehnjährige das ewige Gelübde ab. Anfang des 16. Jahrhunderts war es ein Privileg für Mädchen, eine gute Schulausbildung sogar mit Latein zu haben. Katharina lernte in dieser Zeit auch die betriebswirtschaftlichen Abläufe einer hochkomplexen Landwirtschaft, medizinische Kenntnisse, Kräuterkunde wie auch die bunte Religiosität der einfachen Leute kennen. Ins Kloster war sie ohne ihren eigenen Willen gekommen, hatte aber dort nicht widerwillig gelebt. Sie war zu einer charakter- und willensstarken Person herangereift. Es ist nicht bekannt, wie die Schriften Luthers und seine Predigten in der Kirche von Grimma ins Kloster kamen und dort auf so fruchtbaren Boden fielen, dass auf Grund dessen in der Nacht von Ostersamstag auf Ostersonntag im Jahr 1523 zwölf Nonne aus dem Kloster flohen. Wie die Flucht stattfand, darüber gibt es einige Legenden. Fest steht nur, wie Luther in der Schrift „Ursache und Antwort, warum Jungfrauen die Klöster mit göttlichem Recht verlassen dürfen“ schreibt, dass der Kaufmann Leopold Koppe die Nonnen mit einem Planwagen über Thorgau nach Wittenberg brachte. Er hatte als Händler Beziehungen und Zutritt zum Kloster. Drei Nonnen gingen gleich zu ihren Familien zurück und acht heirateten im Laufe des nächsten Jahres und fanden so einen neuen Lebensunterhalt. Es blieb nur die Nonne Katharina über, die im Hause des Lukas Cranach untergebracht war, da sie den Wittenberger Studenten Hieronymus Baumgartner aus Nürnberg nicht hatte heiraten dürfen, weil dessen Eltern der Heirat nicht zustimmten. Auf Vermittlung von Nikolaus von Amsdorff sollte sie den Stiftsherrn Kaspar Glatz heiraten, worauf die selbstbewusste Dame meinte, „ wenn es geschehen könnte und Gottes Wille wäre“, würde sie „Doktor Martinus oder Herrn Amsdorff selbst ehelich nehmen“. Martin Luther, der schon 1521 die Priester aufforderte zu heiraten, hatte selbst Zweifel und brauchte einige Zeit, diese auszuräumen. Nachdem Luther sich zur Hochzeit entschlossen hatte, waren am Abend des 13. Juni 1525 nur die engsten Freunde geladen. Neben dem Ehepaar Cranach waren Justus Jonas mit Frau anwesend und Johannes Bogenhagen traute sie. Über eine Brautwerbung oder eine Verlobungszeit ist nichts bekannt. Es dürfte beides kurz hintereinander vollzogen worden sein. Nach dem Segen über die Verlobten brachte man sie zum vorbereiteten Brautbett, in das sie sich bekleidet in Anwesenheit der Gäste legten. Dies war der Rest einer alten Sitte, um die Virginität der Braut sicherzustellen. Am nächsten Morgen wurde ein Frühmahl eingenommen. 14 Tage später, am 27. Juni, lud Luther seine Freunde zur sogenannten „Wirtschaft“, die aus Kirchgang mit anschließendem Festmahl bestand. Luthers Eltern, Mansfelder Räte, der Vertreter des Kurfürsten, der mit einem Geschenk von 100 Gulden zur Hausstandsgründung eintraf, nahmen daran teil. Melanchthon, Spalatin und Amsdorf bildeten den Kreis seiner Freunde. Auch Leonhard Koppe mit Frau Audi und die Cranachs waren unter den Gästen. Luthers Hochzeit mit Katharina wurde von Feinden und auch von Freunden kritisiert. Es regte sich Widerstand, der aber der Ehe Luthers nicht ernsthaft schaden konnte. Das Paar richtete sich im alten Augustinerkloster in Wittenberg ein, das Kurfürst Johann der Beständige dem Reformator zur Verfügung gestellt hatte. Katharina baute es für ihre Bedürfnisse um und hielt Haus und Hof zusammen. Katharina gebar ihrem Mann drei Söhne und drei Töchter: 1526 Johannes, 1527 Elisabeth, 1529 Magdalena, 1531 Martin, 1533 Paul und 1534 Margarethe. Elisabeth konnte ihr erstes Lebensjahr nicht vollenden, Magdalena starb im Alter von 12 Jahren. Der Tod Magdalenas stürzte die Eheleute in eine tiefe Krise. Bei Luthers theologischem und strengem Erziehungsverständnis spielte Katharina bei den unausbleiblichen Konflikten eine vermittelnde Rolle. Sie hing an ihren Kindern und musste sich um Neffen und Nichten, die Luther von seinen Schwestern und Brüdern aufnahm, kümmern. Neben den Aufgaben mit den Kindern hatte Katharina also alle Hände voll zu tun. Im Gegensatz zu Luthers Kränklichkeit im fortschreitenden Alter muss sie von robuster Gesundheit gewesen sein. In Zeiten der Pest führte sie zudem ein Hospiz, in dem sie mit anderen Frauen Kranke pflegte. Die Fülle von wirtschaftlichen Aufgaben im Haushalt lassen Katharina, modern gesprochen, als Leiterin eines mittelständischen Betriebes erscheinen. Sie versorgte Kinder, managte einen Großhaushalt und fand immer Abhilfe bei finanziellen Belangen. Sie verköstigte Gäste, Lehrer, Studenten, Dienstboten, Tagelöhner, es waren oft bis zu 50 Personen zu betreuen. Sie versorgte das Vieh, bewirtschaftete Gärten und landwirtschaftliche Flächen, braute Bier im eigenen Brauhaus und unterhielt auch ein Waschhaus. Katharina entwickelte eine beachtliche Energie beim Kauf und der Pacht von Gärten und landwirtschaftlichen Flächen. Es ist einfach unglaublich, was sie mit ihrer guten klösterlichen Ausbildung auf die Beine stellte
Sicher ist, dass Luther ihre Führungsfunktion im Haus hoch achtete und sie ob ihrer Tüchtigkeit bewunderte und liebevoll „Herr Käthe“ nannte. Sie hatte auch Stimme und Recht bei den Tischgesprächen. Nach Luthers Tod 1546 fiel sie in eine tiefe Trauer und ihre wirtschaftliche Situation war prekär. Luthers Testament zugunsten seiner Frau als Alleinerbin wurde nicht anerkannt, da Witwen damals einen Sachwalter benötigten. Erst ein Machtwort des Kurfürsten Johann Friedrich I. von Sachsen sicherte Teile der Erbschaft und das Recht, im ehemaligen Kloster zu bleiben. Vor dem Schmalkaldische Krieg floh sie 1546 über Dessau nach Magdeburg. Wieder in Wittenberg, flüchtete sie 1547 zum zweiten Mal in Begleitung von Melanchthon nach Braunschweig. Ende Juli kehrte Katharina nach Wittenberg zurück, da der Krieg ein vorläufiges Ende genommen hatte. Wirtschaftlich gesehen war sie am Boden. Sie erhielt die Unterstützung zweier Fürsten. Katharina gelang es vorerst mit bescheidenen Mitteln sich in Wittenberg wieder einzurichten. Bei der gerade fünfzig Jahre alten Frau zeigten sich Spuren der Erschöpfung. Vor Pest und Missernten floh sie nach Torgau. Vor der Stadt Torgau erlitt sie einen Verkehrsunfall, von dem sie sich nicht wieder erholte. Sie starb am 20. Dezember 1552 dort und wurde in der Marienkirche zu Torgau beigesetzt. Denkmal im „Schwarzen Kloster“ von der Lutherin, das Wohnhaus der Familie Luther in Wittenberg © janda