Der Wittemberger Reformationsaltar

Der Wittenberger Reformationsaltar

 Altar Rückseite aus der Wittenberger Stadtpfarrkirche © Luthergedenkstätten Sachen-Anhalt

Der Altar der Wittenberger Schlosskirche stammt aus der Werkstatt des Hofmalers Lucas Cranach und seines Sohnes Lucas Cranach d. J. Er ist in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstanden und 1547/1548, also nach Luthers Tod, fertig gestellt und ist erst neulich, im Jahr 2014, renoviert worden. Der Altar besteht aus einer quadratischen mittleren Bildtafel, zwei Seitenflügeln und einer Predella. Zweifelsohne sind den Malern führende reformatorische Theologen beratend zur Seite gestanden – allgemein gilt die Konzeption der Darstellungen als bildliche Veranschaulichung der Confessio Augustana, des grundlegenden Dokuments der Reformation. Das verleiht diesem Kunstwerk neben seinem künstlerischen und historischen Wert auch eine hohe theologische Bedeutung, nicht zuletzt weil es in jener Kirche steht, in der die namhaftesten Exponenten der Reformationsbewegung gepredigt, gewirkt und erstmals das Abendmahl in beiderlei Gestalt gefeiert haben, was ihr den Beinamen „Mutterkirche der Reformation“ eingetragen hat.

Bezeichnend für sämtliche Bildtafeln des Wittenberger Altars ist, dass die dargestellten Szenen so gestaltet sind, dass sie den Betrachter einladend mit ins Bild hinein nehmen wollen. Das wird durch perspektivische Kunstgriffe erreicht, etwa dadurch, dass abgebildete Personen aus dem Bild heraus blicken oder in einem unvollständigen Kreis angeordnet sind. Aber auch dadurch, dass die dargebrachten, meist biblischen, Szenen in zeitgenössisches Ambiente gesetzt und vor überdies von vielen wieder erkennbaren Personen des Reformationszeitalters bevölkert sind.

 

Die mittlere Tafel des Altars zeigt Jesus mit den Jüngern bei der Einsetzungsfeier des Heiligen Abendmahls. Der Raum, in dem das Abendmahl stattfindet, lässt durch große Fenster im Hintergrund eine Festung sehen, an das Luther-Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ gemahnend. Die Tischrunde ist nach einer Seite hin offen. Deutlich erscheint im Bild der Kelch, den ein Knecht einem der Jünger reicht; dieser Jünger wird durch den jungen Martin Luther personifiziert, wie er ausgesehen haben mag, als er sich als Junker Jörg auf der Wartburg versteckt halten musste. Hier erscheint er zusätzlich in der Rolle dessen, der Wert darauf gelegt hatte, dass der Kelch jedem Gottesdienstteilnehmer zusteht, nicht nur dem Priester. Der Jünger links von „Junker Jörg“ trägt übrigens die Züge des Druckers Hans Lufft, der nicht nur die Bibel in der Übersetzung Luthers, sondern auch viele von dessen Schriften verlegt und herausgebracht hatte.

 

Auf dem linken Flügel des Altars ist Philipp Melanchton als Taufender abgebildet. Er trägt dabei seine Magister-Tracht und kein priesterliches Gewand. Damit wird einer der Grundsätze der Reformation betont: das Priestertum aller Gläubigen. Als Taufpate (links von Melanchton mit Taufpolster) fungiert Lucas Cranach d. Ä., der sich (oft auch Mitglieder seiner Familie) hier nicht zum ersten Mal in einem seiner Bilder in dieser Manier verewigt hat. Der rechte Flügel des Altars zeigt – auch für viele Evangelische überraschend – eine Beichte. Luther selbst, und mit ihm einige seiner Mitstreiter, neigte dazu, das „Amt der Schlüssel“ ebenfalls als Sakrament zu werten. In seinem Kleinen Katechismus hat er der Beichte ein eigenes Kapitel eingeräumt. In der gegenwärtigen protestantischen Praxis hat sie zwar keinen Sakramentscharakter, wird aber nach wie vor gepflegt! In der Rolle dessen, der auf dieser Darstellung die Beichte abnimmt, findet sich Johannes Bugenhagen, Luthers langjähriger Begleiter und Beichtvater abgebildet. Die Predella erweist sich untypischerweise als Basis und Herzstück des Reformationsaltars: Die Figur des Gekreuzigten steht an ungewohnter Stelle mitten im Kirchenraum, dessen Wände bei genauem Hinschauen von Geißelstriemen überzogen sind. Fast will es scheinen, als würde Christus hier aus den Worten des Predigers (ein junger Luther, dessen Linke den Worten der Altarbibel folgt) und der gebannten Aufmerksamkeit der PredigthörerInnen erstehen. Einmal mehr tauchen hier bekannte Gesichter in der Schar der GottesdienstbesucherInnen auf: Luthers Frau Käthe mit dem gemeinsam Sohn Hänschen am Schoß, namhafte Bürgerinnen und Bürger der Stadt Wittenberg, unter Lucas Cranach.

In seiner Gesamtheit hat der Reformationsaltar für die evangelisch Glaubenden seiner Zeit Ähnliches geleistet wie ehedem die Volksbibel für des Lesens und Schreibens Unkundige. Es gelingt denen, die ideel und künstlerisch daran mitgearbeitet haben, die wesentlichen Züge des neuen Schrift- und Kirchenverständnisses in Bilder zu fassen, die ihre Aussagekraft bis heute nicht verloren haben.

QR 30                                                                                                           Mag. Sigfried Kolck-Thudt